Online Kondolenzbuch für Hermann Bausinger

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Dr. Gerhard Schweizer / Wien Dr. Gerhard Schweizer / Wien schrieb am Dezember 16, 2021 um 2:20 p.m.
Der Begriff "Volkskunde" erschien mir ideologisch verdächtig, als ich 1960 in Tübingen zu studieren begann. Mein Hauptfach war Germanistik, meine Nebenfächer Geschichte und Politik. Aber nur drei Jahre später "konvertierte" ich vom Hauptfach Germanistik zur Volkskunde. Wie das? Freunde hatten mich auf die Vorlesungen und Seminare des Professors Hermann Bausinger hingewiesen. Sehr bald war ich fasziniert von der kultursoziologischen Perspektive der Volkskunde, vor allem aber von der Persönlichkeit Hermann Bausingers. Er hatte zu seinen Studenten einen sehr persönlichen Zugang mit seiner Warmherzigkeit und seinem Humor, was ihn von vielen anderen Professoren unterschied. Und bei ihm lernte ich eine neue Dimension von "Heimat", "Volk" und "Kultur" kennen: neben der "Hochkultur" die "Volkskultur", neben der "Literatur" die "Trivialliteratur" ... usw. Für mich als Germanist erschien es anfangs undenkbar, kitschige Heimatromane oder James-Bond-Filme ebenfalls wissenschaftlich zu analysieren. Aber ich habe dann im Fach Volkskunde meine Magisterarbeit zum Thema Blut-und-Bodenroman geschrieben und später dann zum selben Thema bei Bausinger im Fach Empirische Kulturwissenschaft promoviert.
In den 1960er-Jahren hatte ich ein Problem damit, mich als "Volkskundler" zu bezeichnen, wo doch schon damals die Seminare bei Professor Bausinger eine große Distanz zu den traditionellen Lehrinhalten der Volkskunde signalisierten. Dass dann Bausinger das Fach Volkskunde in Empirische Kulturwissenschaft umbenannte und für die Volkskunde des gesamten deutschen Sprachraums eine neue Orientierung einleitete, beeindruckte mich stark. Ich habe mit Professor Bausinger noch weitere Jahrzehnte Kontakt gehabt, unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt. Und mir wurde bewusst, wie sehr ich in meiner beruflichen Laufbahn von seiner Methodik geprägt bin, "Kultur" soziologisch zu betrachten.
Seit den 1960er-Jahren bin ich viel in islamischen, indischen sowie fernöstlichen Kulturräumen unterwegs. Ich habe zahlreiche Bücher über meine Begegnungen mit diesen fremden Kulturen verfasst. Aber sehr hilfreich war für mich, dass ich mich beim Vergleich zwischen den westlichen und den fremden Kulturen an der Methodik von Bausinger orientieren konnte: Ich begann zu fragen, in welcher Form Türken, Araber, Iraner, Inder, Chinesen, Japaner u.a. "Heimat", "Volk", "Kultur" verstehen - und stellte fest, dass ihre Vorstellungen ebenso fließend und historisch wandelbar sind wie bei uns in Europa. Auch stilistisch habe ich von Bausinger gelernt: komplizierte Sachverhalte stets mit prägnanten Schilderungen des Alltags zu verbinden.
Hermann Bausinger wird für mich in Erinnerung bleiben, weil er mich durch seine Mitmenschlichkeit und durch seinen weiten wissenschaftlichen Horizont beeindruckt hat.
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