Die Bedeutung von Hermann Bausinger für mich
An einen eher trüben Spätwinternachmittag, wohl 1962, stand ich in Tübingen auf dem Haspelturm und überlegte: Wo studiere ich weiter? In Mainz hatte mich Lutz Röhrich, damals noch Germanist, in einen Sagen-Seminar für die Volkskunde gewonnen. Sie interessierte mich, weil das, was da behandelt wurde, etwas zu tun hatte, mit der Lebenswelt meiner Eltern aus dem ländlichen Rhein-Taunus. Zum Studium dieses Faches musste ich woanders hin, denn Röhrich lehrte Germanistik, und Volkskunde gab es in Manz noch nicht. Röhrich nannte mir Marburg, wo Heilfurth kurz vorher angefangen hatte, und Tübingen mit Bausinger als mögliche Studienorte. In Mainz hatte ich gute Kontakte zu dem dortigen von Theologen geprägten Sozialistischen Deutschen Studentenbund , dem ich weiter angehören wollte. In Tübingen hatte ich kurz vorher mit dem dortigen SDS-Vorsitzenden telefoniert, aber keine besondere Resonanz gefunden. In Marburg hatte sich der SDS gerade gespalten und ich sollte dort die Gruppe des „richtigen“, sich nicht in Abhängigkeit zur DDR begebenden SDS, wieder aufbauen. Das gelang mir dann mit Hilfe von einigen Schülerinnen und Schülern von Wolfgang Abendroth wieder. Mit ihnen und ihm vertiefte sich mein Interesse am Historischen Materialismus. Das änderte aber nichts an meinem Interesse an der Volkskunde. Ich studierte das Fach, von dem meine Genossinnen und Genossen vom SDS nichts verstanden, und ich war gezwungen, beides irgendwie in meinem Kopf zusammenzubringen.
Bausinger trat dann 1969 in Erscheinung: Heilfurth hatte mich beauftragt, in Detmold mit Brückner einen Vortrag „Wem nützt Volkskunde“ zu halten. Nach dem Vortrag trat Bausinger in einem sonnigen Straßencafe, in dem ich mit meiner damaligen Frau saß, an mich heran und fragte, ob ich mit einer schriftlichen Diskussion über meinen Vortrag in der „Zeitschrift für Volkskunde“ einverstanden wäre. Sie fand statt, und zwischen den „Tübingern“ und „Marburgern“ kam es danach immer wieder zu intensiven Kontakten, oft über Frankfurt mit Heinz Schilling, später mit Ina Maria Greverus. Bausinger wirkte für mich inspirierend, insbesondere auch wenn es um die politische Bedeutung der Volkskunde und um die Auseinandersetzung mit der NS-Volkskunde ging. Es gab immer wieder Kontakte, auch im Zusammenhang mit meiner Wiener Habilitation, für die er als Auswärtiger Gutachter auftrat. Zuletzt war mein Text „Es gibt ein Genug“ 2019 eine Auseinandersetzung mit einem von Hermann Bausinger aufgeworfenen Problem. (S. 95)
Dankbar war ich in all den Jahren für die Begegnungen und brieflichen Kontakte mit Hermann Bausinger. Und ich bin traurig, dass sie jetzt nicht mehr möglich sind.
An einen eher trüben Spätwinternachmittag, wohl 1962, stand ich in Tübingen auf dem Haspelturm und überlegte: Wo studiere ich weiter? In Mainz hatte mich Lutz Röhrich, damals noch Germanist, in einen Sagen-Seminar für die Volkskunde gewonnen. Sie interessierte mich, weil das, was da behandelt wurde, etwas zu tun hatte, mit der Lebenswelt meiner Eltern aus dem ländlichen Rhein-Taunus. Zum Studium dieses Faches musste ich woanders hin, denn Röhrich lehrte Germanistik, und Volkskunde gab es in Manz noch nicht. Röhrich nannte mir Marburg, wo Heilfurth kurz vorher angefangen hatte, und Tübingen mit Bausinger als mögliche Studienorte. In Mainz hatte ich gute Kontakte zu dem dortigen von Theologen geprägten Sozialistischen Deutschen Studentenbund , dem ich weiter angehören wollte. In Tübingen hatte ich kurz vorher mit dem dortigen SDS-Vorsitzenden telefoniert, aber keine besondere Resonanz gefunden. In Marburg hatte sich der SDS gerade gespalten und ich sollte dort die Gruppe des „richtigen“, sich nicht in Abhängigkeit zur DDR begebenden SDS, wieder aufbauen. Das gelang mir dann mit Hilfe von einigen Schülerinnen und Schülern von Wolfgang Abendroth wieder. Mit ihnen und ihm vertiefte sich mein Interesse am Historischen Materialismus. Das änderte aber nichts an meinem Interesse an der Volkskunde. Ich studierte das Fach, von dem meine Genossinnen und Genossen vom SDS nichts verstanden, und ich war gezwungen, beides irgendwie in meinem Kopf zusammenzubringen.
Bausinger trat dann 1969 in Erscheinung: Heilfurth hatte mich beauftragt, in Detmold mit Brückner einen Vortrag „Wem nützt Volkskunde“ zu halten. Nach dem Vortrag trat Bausinger in einem sonnigen Straßencafe, in dem ich mit meiner damaligen Frau saß, an mich heran und fragte, ob ich mit einer schriftlichen Diskussion über meinen Vortrag in der „Zeitschrift für Volkskunde“ einverstanden wäre. Sie fand statt, und zwischen den „Tübingern“ und „Marburgern“ kam es danach immer wieder zu intensiven Kontakten, oft über Frankfurt mit Heinz Schilling, später mit Ina Maria Greverus. Bausinger wirkte für mich inspirierend, insbesondere auch wenn es um die politische Bedeutung der Volkskunde und um die Auseinandersetzung mit der NS-Volkskunde ging. Es gab immer wieder Kontakte, auch im Zusammenhang mit meiner Wiener Habilitation, für die er als Auswärtiger Gutachter auftrat. Zuletzt war mein Text „Es gibt ein Genug“ 2019 eine Auseinandersetzung mit einem von Hermann Bausinger aufgeworfenen Problem. (S. 95)
Dankbar war ich in all den Jahren für die Begegnungen und brieflichen Kontakte mit Hermann Bausinger. Und ich bin traurig, dass sie jetzt nicht mehr möglich sind.