Mit großer Betroffenheit haben die Mitarbeiter:innnen und Studierenden des Instituts für Europäische Ethnologie in Wien den Tod Hermann Bausingers zur Kenntnis genommen. Ein schwerer Verlust und eine große Lücke, die der kritische Erneuerer des Faches aus Tübingen mit lokaler Bindung und globalem Horizont hinterlässt. Wir alle haben ihm viel zu verdanken und sehr viel von ihm gelernt.
Dass die Europäische Ethnologie ein attraktiver wissenschaftlicher Zugang zur Welt ist, der gesellschaftlich relevante Fragen zu formulieren weiß und zentrale Erkenntnisse bzw. Einblicke in gesellschaftliche Verhältnisse eröffnet, ist nicht zuletzt Hermann Bausingers Impuls zur Entwicklung und Etablierung einer empirischen Kulturwissenschaft zu verdanken. Vorausgegangen war die als unerlässlich erkannte kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten, Begriffen und Zugängen der vormaligen (völkisch orientierten) Volkskunde, die Bausinger von Tübingen aus praktizierte und forderte, während andernorts ehemalige Parteimitglieder oder sogar SS-Angehörige wieder in Amt und Würden saßen. Statt spekulativer Ursprungssuche brachte das neu aufgestellte Fach damit einen kritisch-reflexiven Zugang auf gesellschaftliches Zusammenleben ein und zeigte sich der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft bewusst.
Mich persönlich überzeugte und prägte speziell Bausingers Auslegung des Faches als empirische Alltagskulturwissenschaft. Die Verbundenheit mit seiner Region und Sprache, der kulturtheoretisch grundierte Blick auf alltägliche Situationen und Dialoge führten vor Augen und lehrten, wie exemplarische Beobachtungen eine Auslegung erfahren können, die keinen Hauch von Provinzialität und unpolitischer Banalität transportiert, sondern auf grundlegende anthropologische Fragen hinführt sowie die Dynamik und Verwobenheit von Kultur und Gesellschaft verdeutlicht. In diesem spezifischen Blick auf Alltagskultur sowie der damit einhergehenden, geradezu verkörperlichten Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Phänomene selbst in nebensächlich scheinenden Situationen des persönlichen Erlebens – und sei es ein kurzer Smalltalk zu und vor Weihnachten mit Kollegen – fühle ich mich Hermann Bausinger sehr verbunden und sehe mit Dankbarkeit viele Anregungen.
Und dies nicht nur in inhaltlicher, theoretischer oder methodischer Hinsicht. Seine große Leidenschaft für (die deutsche) Sprache artikulierte sich in einer fundiert-geistreichen Wortwahl und einem Sprachvermögen, das das Lesen und Hören zum Genuss werden ließ und lässt. Auch im hohen Alter verfolgte Hermann Bausinger rege die fachlichen Aktivitäten und brachte sich auf Anfrage ein. So auch mit einem Beitrag für die „Begriffe der Gegenwart. Ein kulturwissenschaftliches Glossar“, das im Böhlau Verlag erscheint und als Sonderausgabe auch von der Bundeszentrale für politische Bildung vertrieben wird. Schon die erste Einreichung seiner Ausführungen zum Begriff „deutsch“ waren ausgefeilt, von einer beeindruckenden Dichte und einem gelehrten Wissensfundus, ja bis zu den Nachweisen hin vollständig und präzise. Kleine Rückfragen beantwortete er oft als erster und signalisierte nebenbei unaufdringlich Eile, die Arbeit abschließen zu wollen – wohl auch im Wissen um die eigene Endlichkeit. Das soeben druckfrisch eingetroffene Buch kann er selbst nun nicht mehr in Händen halten. Das bedauern Verlag und Herausgeber:in sehr und sind umso dankbarer und glücklich, dass er an diesem Gemeinschaftswerk noch mitwirken konnte.
Auch in der Art Kontakte zu pflegen, handelte Mendel besonders und mit Bedacht. Die älteste Nachricht, die die aktuelle Version meines Mailkontos aufzeigt, stammt vom 4.1.2016 und führt knapp und bündig „2016“ in der Betreffzeile an. Als Verfasser scheint Hermann Bausinger auf. In gewohnt beeindruckender Wortwahl, die seine Grußbotschaften, kurze Antwortschreiben ebenso wie seine wissenschaftlichen Texte kennzeichnete, hat Mendel darin persönliche Neujahrswünsche übermittelt, die Interesse am und Empathie für das berufliche wie private Leben gleichermaßen ausdrücken. Sein respektvoll-wertschätzender, verbindlicher Umgang beeindruckte mich – Ausdruck einer hohen sozialen und kommunikativen Kompetenz. Geradezu bescheiden trat Hermann Bausinger auf – er, der wie kaum jemand die Empirische Kulturwissenschaft geprägt und weltweit verbreitet hat, zeigte so gar keine Anzeichen akademischer Eitelkeit. Sein Abschied von diesem Austausch und gemeinsamer Erkenntnissuche ist auf vielen Ebenen ein schmerzhafter Verlust. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Freund:innen und engen Kolleg:innen in Tübingen und weit darüber hinaus.
Dass die Europäische Ethnologie ein attraktiver wissenschaftlicher Zugang zur Welt ist, der gesellschaftlich relevante Fragen zu formulieren weiß und zentrale Erkenntnisse bzw. Einblicke in gesellschaftliche Verhältnisse eröffnet, ist nicht zuletzt Hermann Bausingers Impuls zur Entwicklung und Etablierung einer empirischen Kulturwissenschaft zu verdanken. Vorausgegangen war die als unerlässlich erkannte kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten, Begriffen und Zugängen der vormaligen (völkisch orientierten) Volkskunde, die Bausinger von Tübingen aus praktizierte und forderte, während andernorts ehemalige Parteimitglieder oder sogar SS-Angehörige wieder in Amt und Würden saßen. Statt spekulativer Ursprungssuche brachte das neu aufgestellte Fach damit einen kritisch-reflexiven Zugang auf gesellschaftliches Zusammenleben ein und zeigte sich der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft bewusst.
Mich persönlich überzeugte und prägte speziell Bausingers Auslegung des Faches als empirische Alltagskulturwissenschaft. Die Verbundenheit mit seiner Region und Sprache, der kulturtheoretisch grundierte Blick auf alltägliche Situationen und Dialoge führten vor Augen und lehrten, wie exemplarische Beobachtungen eine Auslegung erfahren können, die keinen Hauch von Provinzialität und unpolitischer Banalität transportiert, sondern auf grundlegende anthropologische Fragen hinführt sowie die Dynamik und Verwobenheit von Kultur und Gesellschaft verdeutlicht. In diesem spezifischen Blick auf Alltagskultur sowie der damit einhergehenden, geradezu verkörperlichten Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Phänomene selbst in nebensächlich scheinenden Situationen des persönlichen Erlebens – und sei es ein kurzer Smalltalk zu und vor Weihnachten mit Kollegen – fühle ich mich Hermann Bausinger sehr verbunden und sehe mit Dankbarkeit viele Anregungen.
Und dies nicht nur in inhaltlicher, theoretischer oder methodischer Hinsicht. Seine große Leidenschaft für (die deutsche) Sprache artikulierte sich in einer fundiert-geistreichen Wortwahl und einem Sprachvermögen, das das Lesen und Hören zum Genuss werden ließ und lässt. Auch im hohen Alter verfolgte Hermann Bausinger rege die fachlichen Aktivitäten und brachte sich auf Anfrage ein. So auch mit einem Beitrag für die „Begriffe der Gegenwart. Ein kulturwissenschaftliches Glossar“, das im Böhlau Verlag erscheint und als Sonderausgabe auch von der Bundeszentrale für politische Bildung vertrieben wird. Schon die erste Einreichung seiner Ausführungen zum Begriff „deutsch“ waren ausgefeilt, von einer beeindruckenden Dichte und einem gelehrten Wissensfundus, ja bis zu den Nachweisen hin vollständig und präzise. Kleine Rückfragen beantwortete er oft als erster und signalisierte nebenbei unaufdringlich Eile, die Arbeit abschließen zu wollen – wohl auch im Wissen um die eigene Endlichkeit. Das soeben druckfrisch eingetroffene Buch kann er selbst nun nicht mehr in Händen halten. Das bedauern Verlag und Herausgeber:in sehr und sind umso dankbarer und glücklich, dass er an diesem Gemeinschaftswerk noch mitwirken konnte.
Auch in der Art Kontakte zu pflegen, handelte Mendel besonders und mit Bedacht. Die älteste Nachricht, die die aktuelle Version meines Mailkontos aufzeigt, stammt vom 4.1.2016 und führt knapp und bündig „2016“ in der Betreffzeile an. Als Verfasser scheint Hermann Bausinger auf. In gewohnt beeindruckender Wortwahl, die seine Grußbotschaften, kurze Antwortschreiben ebenso wie seine wissenschaftlichen Texte kennzeichnete, hat Mendel darin persönliche Neujahrswünsche übermittelt, die Interesse am und Empathie für das berufliche wie private Leben gleichermaßen ausdrücken. Sein respektvoll-wertschätzender, verbindlicher Umgang beeindruckte mich – Ausdruck einer hohen sozialen und kommunikativen Kompetenz. Geradezu bescheiden trat Hermann Bausinger auf – er, der wie kaum jemand die Empirische Kulturwissenschaft geprägt und weltweit verbreitet hat, zeigte so gar keine Anzeichen akademischer Eitelkeit. Sein Abschied von diesem Austausch und gemeinsamer Erkenntnissuche ist auf vielen Ebenen ein schmerzhafter Verlust. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Freund:innen und engen Kolleg:innen in Tübingen und weit darüber hinaus.